Informationen zu Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Ein Neugeborenes mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte kann für die Eltern unerwartet sein, falls nicht bereits vor der Entbindung diese Diagnose gestellt werden konnte. Wichtig ist uns daher vor allem, Ihnen Sorgen und Ängste zu nehmen und die modernen und ausgereiften Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Lippen-Kiefer-Gaumenspalten gehören mit einer Häufigkeit von 1:750 Geburten in der Schweiz zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen. Es gibt heute sehr gute Behandlungsmethoden zur Korrektur dieser Fehlbildung und zur Normalisierung der Funktionen wie Ernährung, Sprache und Gehör, so dass eine ungestörte Entwicklung in normaler Umgebung erreicht werden kann. Das Behandlungsziel kann jedoch nur mit Ihnen gemeinsam erreicht werden und erfordert die enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern und Behandlern. Hierzu werden neben der erforderlichen Operation Behandlungstermine in bestimmten Abständen vereinbart, um die Entwicklung Ihres Kindes zu verfolgen und Behandlungsschritte, wie z.B. die Behandlung von Zahnfehlstellungen oder Hörstörungen rechtzeitig zu beginnen. Mit diesem Leitfaden wollen wir uns Ihnen als interdisziplinäres Behandlungsteam vorstellen, das hier in Zürich die Betreuung sowohl der Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten als auch deren Eltern durchführt. Ausserdem finden Sie einige praktische Hinweise für den Aufenthalt im Spital und für die ambulante Betreuung. Dieser Leitfaden ist nur als begleitender Ratgeber gedacht und soll Sie ermutigen, weitere Fragen ausführlich und persönlich im Rahmen unserer Sprechstunde zu besprechen.​

Ursachen für LKG-Spalten

Ursachen für die Entstehung der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten entstehen zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft. Zwischen der 5. und 7. Woche bilden sich alleinige Lippen- und Kieferspalten, zwischen dem 2. und 3. Monat der Schwangerschaft treten Gaumenspalten auf. In diesen frühen Phasen der Entwicklung wachsen normalerweise einzelne Bereiche des Gesichts von aussen nach innen zusammen. Abhängig vom Zeitpunkt der einwirkenden Störung vereinigen sich diese Bereiche nicht vollständig oder gar nicht, und an den eigentlichen Verbindungsstellen können verschiedene Formen von Spaltbildungen auftreten. Viele Ursachen werden für die Entstehung von Spaltbildungen angenommen. Sie sind im Einzelnen noch nicht genau erforscht. Heute wird das Zusammentreffen äusserer Faktoren (z.B. Umwelteinflüsse) und innerer Faktoren als Ursachen angenommen. Meist wirken mehrere dieser Faktoren gleichzeitig zusammen, so dass man auch von einer multifaktoriellen Entstehung spricht. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Spaltbildungen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich ist erhöht, wenn schon einmal Spalten in der Familie aufgetreten sind. Es gibt hierfür jedoch keinen zwingenden Zusammenhang. Bei weiterem Kinderwunsch nach der Geburt eines Kindes mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte empfiehlt sich jedoch die Beratung durch einen Facharzt für Humangenetik. Diesen Kontakt können wir Ihnen im Bedarfsfall auch gerne vermitteln.

Spaltformen

Die unterschiedlichen Spaltformen

Entsprechend der zeitlich versetzten Entwicklung von Lippe, Kiefer und Gaumen gibt es abhängig von Art, Stärke und Zeitpunkt einer während der Schwangerschaft einwirkenden Störung unterschiedliche Formen und Ausprägungsgrade der Spaltbildungen. Die Spaltbildung kann sich allein auf die Lippe beschränken aber auch in Lippe und Kiefer, allein am Gaumen und gemeinsam in Lippe, Kiefer und Gaumen auftreten. Bei den Gaumenspalten gibt es zusätzlich noch die Unterscheidung zwischen Spaltbildungen im harten und/oder weichen Gaumen. Wie bereits erwähnt treten die Spalten in einer Häufigkeit von 1:750 Geburten auf, betreffen häufiger Jungen und bevorzugen die linke Seite des Gesichtes. Im Unterschied dazu sind die isolierten Spalten des harten und weichen Gaumens mit einem Auftreten von 1:1.500 Geburten relativ selten und betreffen hier etwas häufiger Mädchen. Die Spalten können jeweils einseitig (rechts oder links) oder auf beiden Seiten des Gesichtes auftreten und unvollständig (z.B. Lippenspalte, die in der Oberlippe endet) oder vollständig (bis in den Naseneingang) erscheinen. Daneben gibt es noch verdeckte Spalten, die oft nicht auf Anhieb erkennbar sind: die Spaltbildung erstreckt sich hier nur auf die Muskulatur (submukös) und Teile des Knochens, während die darüberliegende Haut und Schleimhaut intakt sind. Dies ist von besonderer Bedeutung bei den sog. submukösen Gaumenspalten, da hier trotz intakter Gaumenschleimhaut die für die Aussprache und Belüftung des Ohres wichtige Muskulatur nicht vereint ist. Unbehandelt kann es dann durch die mangelnde Funktion zu Sprechstörungen und Belüftungsstörungen des Mittelohres mit evtl. resultierender Schwerhörigkeit kommen. Deshalb sind auch diese submukösen Spalten genauso zu behandeln wie die offenen Spaltformen. Einseitige Lippenspalte Doppelseitige Lippenspalte Insgesamt werden vier Spaltabschnitte unterschieden:

  • Lippe mit Oberlippe bis einschliesslich Naseneingang
  • Kiefer bestehend aus dem vorderen zahntragenden Oberkiefer, dem sog. Kieferkamm
  • Harter Gaumen, der sich zusammensetzt aus dem knöchernen Anteil des Gaumendaches und dem Nasenboden
  • Weicher Gaumen (Velum) vom hinteren Rand des knöchernen Gaumens bis zum Zäpfchen Isolierte Velumspalte

Sie sehen bereits die Vielfältigkeit unterschiedlicher Formen und Schweregrade der Spaltbildungen. Der Behandlungsablauf ist dabei aber im Grundsatz einheitlich. Obwohl die Reihenfolge und die Anzahl der Behandlungsschritte abhängig vom Schweregrad des Ausgangsbefundes sind, ist es heute eigentlich für jedes Kind mit einer Spaltbildung möglich, sehr rasch wie alle anderen Kinder auszusehen und eine völlig normale Entwicklung zu durchlaufen. Im individuellen Gespräch in unserer Sprechstunde werden wir Ihnen das auf Ihr Kind zugeschnittene Behandlungskonzept detailliert erläutern. Spaltbildungen im Bereich des zahntragenden Kieferkammes können zum Fehlen oder zu Fehlbildungen insbesondere des seitlichen Schneidezahnes bzw. der spaltnahen Zähne führen. Zusätzlich können Zahnkeime schräg im Knochen liegen und am Durchbruch gehindert werden. Durch die Unterbrechung des Zahnbogens kann es zum Einwärtskippen des spaltseitigen seitlichen Kieferkammes kommen. Hier ergibt sich die Notwendigkeit der engen Mitbehandlung durch den Kieferorthopäden. Innerhalb der interdisziplinären Sprechstunde für Lippen-Kiefer- Gaumenspalten werden Sie deshalb auch durch einen erfahrenen Kollegen aus der Abteilung für Kieferorthopädie mitbetreut, der Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen wird.

Frühe pädiatrische Betreuung

Ist bei Ihrem Kind bereits vor der Geburt der Verdacht auf eine Spaltbildung geäussert worden oder aber ist die Spaltbildung erst bei der Geburt erkennbar, wird der Kinderarzt direkt nach der Geburt Ihr Kind untersuchen und gemeinsamen mit Ihnen und den Geburtshelfern und Hebammen entscheiden, welche weiteren Massnahmen notwendig sind. Die Ärzte der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie werden sofort benachrichtigt, sofern sie nicht bereits bei der vorgeburtlichen Ultraschalldiagnostik und Beratung hinzugezogen wurden. In bestimmten Fällen kann es je nach Art und Grösse der Spalte sinnvoll sein, Ihr Kind zunächst auf einer der Neugeborenenstationen in der Frauenklinik oder Kinderklinik aufzunehmen. Am Anfang stehen in der Regel Ernährungsfragen im Vordergrund. Auf die Versorgung von Neugeborenen mit Spaltbildungen spezialisierte Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger bemühen sich, Ihren Bedürfnissen entgegenzukommen und Ihnen Hilfestellung und Beratung beim Trinken und allen anderen Fragen der Säuglingspflege zu geben. In vielen Fällen ist das Stillen möglich, gelegentlich – insbesondere bei durchgehenden Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten - ist die Ernährung mit der Flasche und dem Sauger besser geeignet. Für ein erfolgreiches Stillen oder Trinken mit der Flasche ist die wichtigste Voraussetzung, mit grosser Geduld und Ruhe den für Ihr Kind richtigen Weg zu finden. Dies erfordert Zeit und Erfahrung. Es hat sich gezeigt, dass es für ein gutes Trinkverhalten entscheidend ist, die Besonderheiten jedes einzelnen Kindes zu berücksichtigen und die für das Kind individuelle Stilltechnik oder den passenden Sauger zu finden. Die Ärzte der Neonatologie und die Ärzte der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie untersuchen Ihr Kind und stehen Ihnen von Anfang an für Fragen und Beratung zur Verfügung. Gelegentlich ist es notwendig im Rahmen des stationären Aufenthalts andere Organsysteme mit zu untersuchen. Die Neonatologen werden dies im Einzelfall mit Ihnen besprechen. In der Regel kann Ihr Kind nach wenigen Tagen zusammen mit Ihnen nach Hause entlassen werden. Ihr Kinderarzt vor Ort, aber auch die Klinikärzte stehen Ihnen für Zuhause aufkommende Fragen weiterhin jederzeit zur Verfügung.

Stillen und Ernährung

Eine in unserer Sprechstunde häufig gestellte Frage ist die nach der Ernährung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. In der Regel ist  das Stillen möglich. Wenn Sie Ihr Kind stillen möchten, sollten Sie sich dafür viel Zeit und Geduld nehmen, da dies für Kinder mit einer Spaltbildung ein intensiveres ”Training” erfordert. Die alleinige Lippenspalte stellt in der Regel kein Stillproblem dar. Zum Ausgleich des fehlenden Lippenabschlusses kann die Mutter mit einem Finger die Spalte abdecken. Dabei sollte der Kopf des Säuglings aufrecht gehalten werden, um einen weitgehenden Abschluss der Spalte zu erreichen und ein kräftiges Saugen zu ermöglichen. Auch das Stillen von Kindern mit alleiniger Gaumenspalte bereitet meist wenig Probleme. Noch problemloser ist das Stillen bei isolierten Weichgaumenspalten. Auch hierbei sollte das Kind aufrecht gehalten werden, um ein Abfliessen der Milch in die Nase zu verhindern. Schwieriger ist das Stillen bei Kindern mit durchgehenden Lippen-Kiefer- Gaumenspalten. Meist kann dann aber eine Trinkplatte, die in den ersten Lebenstagen durch die kieferorthopädische Abteilung angepasst wird, bei der Abdichtung des Nasenrachenraumes gegen die Mundhöhle deutlich helfen. Später finden Sie noch eine nähere Beschreibung dieser Platte. Wichtig zu wissen ist, dass die Ernährung von Kindern mit Spalten immer 15 bis 30 Minuten länger dauert als bei Kindern ohne Spaltbildung, unabhängig davon, ob gestillt wird oder ob die Ernährung mittels Flasche erfolgt. Lassen Sie sich also bitte nicht entmutigen, wenn es zu Beginn länger dauert, als Sie dachten. Das Stillen ist ganz wichtig zum Training der Muskelfunktion und erleichtert ihrem Kind die Umstellung nach dem operativen Spaltverschluss. Daumen-, Finger- und Handlutschen sind ungünstig für die Entwicklung des Kiefers und sollten wenn überhaupt erforderlich durch einen Schnuller ersetzt werden. Selbstverständlich werden Ihnen die Pflegerinnen und Pfleger der Säuglingsstationen ebenfalls gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Der chirurgische Behandlungsplan

Verschluss der Lippe

Im Laufe der letzten Jahre ist es durch verbesserte und schonendere Narkosetechniken möglich geworden, bereits wenige Monate nach der Geburt Operationen ohne grösseres Risiko für die Kinder durchzuführen. Auch haben sich die Operationstechniken sehr stark verfeinert, so dass ästhetisch immer bessere Ergebnisse erzielt werden. Der Verschluss der Lippe ist bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten die erste Operation. Liegt eine isolierte Lippenspalte vor, ist meist nur diese eine Operation erforderlich. In der Regel wird das endgültige Ergebnis der Operation bereits bei diesem ersten Eingriff erreicht. Selten sind später nur kleine Korrekturoperationen erforderlich (z.B. vor der Einschulung). Es hat sich in Zürich, wie in vielen anderen Behandlungszentren auf der Welt, bewährt, den Verschluss der Lippe im Alter von 4-6 Monaten vorzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt wiegt das Kind durchschnittlich 6 kg oder mehr, ein Gewicht, das die Narkoseärzte als sicher ausreichend für den mehrstündigen Eingriff ansehen. Bei Bestehen begleitender Erkrankungen, wie z.B. Herzfehler, Stoffwechselstörungen, Lungenerkrankungen o.ä., richtet sich der Zeitpunkt der Operation nach dem allgemeinen Gesundheitszustand. Bei dem Lippenverschluss werden die beiden spaltseitigen Anteile der Lippe vereinigt und ein sog. Mundvorhof (das ist der Abschnitt zwischen Zahnbogen und Lippeninnenseite) gebildet. Dabei kommt es vor allem auf die exakte Vereinigung der einzelnen drei Schichten an, d.h. der Schleimhaut an der Innenseite der Lippe, der Ringmuskulatur des Mundes, die Wiederherstellung der Mundbeweglichkeit und der äusseren Haut. Bei Lippenspalten muss in der Regel auch der Naseneingang geformt und ein Nasenboden gebildet werden. Hier in Zürich führen wir dies gleich mit dem Lippenspaltverschluss durch. Hierbei wird der zur Seite abgewichene Nasenflügel in die richtige Position zur Mitte gebracht. Mit Nähten wird dann die Form der Nase auf der Spaltseite der gesunden Seite angepasst.
Werden von Ihnen, Ihrem Kinderarzt, HNO-Arzt oder in unserer Sprechstunde vor der Operation Hörschwierigkeiten bemerkt und wurde durch den Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder einen Phoniater und Pädaudiologen ein sog. Paukenröhrchen zur Drainage eines Mittelohrergusses vorgeschlagen, kann dies ebenfalls in der ersten Operation erfolgen. Dadurch wird dem Kind eine weitere Narkose erspart. Dies zeigt Ihnen, wie wichtig die Untersuchung auch der Ohren noch vor dem Verschluss der Lippe ist. Im Bereich der Schleimhaut wird Nahtmaterial verwendet, das nicht wieder entfernt werden muss. Die Hautfäden lösen sich nicht auf und werden je nach Heilungsverlauf nach ca. 5 Tagen in gezogen. Es ist wichtig für Sie zu wissen, dass die kleine Narbe im Bereich der Oberlippe erst nach 6-12 Monaten ihr endgültiges Aussehen hat und bis dahin blasser wird und sich glättet.

Verschluss des harten und weichen Gaumens

Bei der Wahl des Zeitpunktes für den Verschluss des harten und weichen Gaumens gilt es zwei Punkte zu beachten. Einerseits sollte der Gaumen so früh wie möglich verschlossen werden, um eine möglichst ungehinderte Sprachentwicklung zu ermöglichen, andererseits wird durch eine Narbe am Gaumen evtl. das Wachstum des Oberkiefers gestört. Dies ist der Grund dafür, dass der Gaumen nicht schon zusammen mit der Lippe verschlossen wird, sondern erst im Alter von 11-13 Monaten, also zum Zeitpunkt, wenn Ihr Kind die ersten Laute bildet. Beim Gaumenverschluss kommt es ebenfalls auf eine exakte Vereinigung der einzelnen Schichten an, damit die vielschichtigen Funktionen des Gaumens wiederhergestellt werden können. Diese Vereinigung hat das Abdichten des Nasenraumes beim Schlucken und Sprechen, und das verbesserte Belüften des Mittelohres durch Zug an der Ohrtrompete zum Ziel. Zunächst wird die Schleimhaut auf der Nasen- und auf der Mundseite vom knöchernen Gaumen gelöst. Dann erfolgt der Verschluss der Nasenschleimhaut, so dass Mund- und Nasenraum endgültig voneinander getrennt sind. Der knöcherne Anteil des harten Gaumens muss verschlossen werden. Hier bildet sich straffes Bindegewebe, das einen sicheren Abschluss gewährleistet. Nach Vereinigung der Muskulatur des weichen Gaumens wird abschliessend die Schleimhaut auf der Mundhöhlenseite vernäht. In der Regel werden hierbei ausschliesslich selbstauflösende Fäden verwendet. Es ist selbstverständlich, dass wir beim Gaumenspaltverschluss ausser dem Nahtmaterial kein körperfremdes Material verwenden, sondern das gesamte Gewebe vorsichtig aus der Umgebung verlagern. Lediglich in einigen Fällen wird zum Schutz des Operationsgebietes und zur Vermeidung von Schmerzen ein Schutzgitter aus Kunststoff eingesetzt, welches am Tag des Austritts wieder entfernt wird. Für diese Massnahme ist keine Narkose notwendig. Ihr Kind erhält lediglich ein leichtes Beruhigungsmittel, damit es sich nicht fürchtet.

Kieferspaltverschluss

Die Knochenlücke im Bereich des Zahnbogens. d.h. die Kieferspalte, wird zu einem späteren Zeitpunkt verschlossen. Wir empfehlen den Kieferspaltverschluss kurz vor Durchbruch des bleibenden Eckzahnes (9.- 13. Lebensjahr), der dann in diese Lücke bewegt werden kann und ein festes knöchernes Lager vorfindet. Dazu werden kleine Knochenstückchen aus dem Beckenkamm verpflanzt. Dank moderner Operationsverfahren ist hierfür nur noch ein kleiner ca. 2cm messender Schnitt über dem seitlichen Beckenkamm erforderlich, der die Knochenentnahme mit einer kleinen Stanze erlaubt. Die genaue Festlegung des Operationszeitpunktes für die Kieferspaltosteoplastik erfolgt in der Sprechstunde gemeinsam mit der Abteilung für Kieferorthopädie. Diese gemeinsame Absprache ist insbesondere wichtig, um auch die Entfernung eventuell überzähliger oder versprengter Zähne festzulegen. Bei schwierigen Entscheidungen können wir durch den Einsatz modernster dreidimensionaler Untersuchungsverfahren den optimalen Zeitpunkt der Operation genau bestimmen.

Korrekturoperationen

Mit ca. 6 Jahren, d.h. kurz vor der Einschulung sind die meisten Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten nahezu vollständig rehabilitiert, d.h. es liegt ein weitgehend unauffälliges Äusseres vor, Hören und Sprechen sind so wie bei Gleichaltrigen. Bei wenigen Kindern ist in seltenen Fällen trotz exakter Wiederherstellung des Muskelringes im Gaumenbereich und trotz Sprechtherapie das Sprechen etwas verändert. Liegt ein sog. offenes Näseln (Rhinophonia aperta) vor, kann dies Folge einer mangelnden Abschlussfunktion eines zu kurzen Gaumens gegen den Rachen sein. In diesen Fällen empfiehlt sich eine sprachverbessernde Operation (Velopharyngoplastik). Hierbei wird der Gaumen durch eine spezielle Technik verlängert und mit einem Schleimhautmuskelläppchen an die Rachenhinterwand verlagert. Die Atemfunktion wird dadurch in der Regel nicht beeinträchtigt. Gegebenenfalls können in seltenen Fällen bei sehr breiten Spalten oder bei individueller Veranlagung zur Narbenbildung etwas deutlichere Narben in der Oberlippe vorliegen. Hier können durch kleine Narbenkorrekturen ebenfalls vor der Einschulung günstigere Ergebnisse erzielt werden. Ebenso kann eine etwaige Lücke im Oberlippenrot (sog. Pfeifloch) durch eine Austauschplastik einfach korrigiert werden. Eine Verlängerung des Nasenstegs ist meist nur bei ausgeprägten doppelseitigen Spalten erforderlich. Bei einem zu kurzen Nasensteg kann unter Einbeziehung vorhandener Narben an der Oberlippe Gewebe aus der Oberlippe genutzt werden, um den Nasensteg zu verlängern und die Nasenflügel aufzurichten.

Die kieferorthopädische Behandlung

Die Kieferorthopädie ist ein wichtiger Partner bei der interdisziplinären Behandlung von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und begleitet Sie von der Geburt bis etwa zum 20. Lebensjahr.

 

Primärbehandlung (Kieferorthopädische Therapie direkt nach der Geburt)

Die interdisziplinäre Behandlung beginnt bei Patienten mit Lippen-Kiefer- Gaumenspalten mit dem Eingliedern einer Gaumenplatte durch den Kieferorthopäden. Diese Platte dient als Saug- und Trinkhilfe sowie zur Steuerung des Wachstums. Für die Herstellung der Platte wird vom Oberkiefer des Neugeborenen innerhalb der ersten Lebenstage eine Abformung genommen und ein Kiefermodell aus Gips hergestellt. Die Gaumenplatte wird aus klarem, harten Kunststoff angefertigt. Die Gaumenplatte dient der Trennung von Mund- und Nasenhöhle. Die Zunge wird abgehalten, sich in die Nase einzulagern und wird in der Mundhöhle gehalten. Das Schlucken, die Nasenatmung und die Nahrungsaufnahme werden erleichtert. Seitliche Muskelzüge werden abgehalten. Insbesondere kann mit der Gaumenplatte das Wachstum des Oberkiefers zur Harmonisierung seiner Form gesteuert werden. Die unmittelbar nach der Geburt eingesetzte Gaumenplatte wird vom Kind zumeist schnell akzeptiert. Sie muss stets feucht eingesetzt werden und hält im Mund des Säuglings über Adhäsion. Die Verwendung von Haftmitteln sollte möglichst entfallen. Die Reinigung der Platte sollte nach den Mahlzeiten mit einer Zahnbürste unter fliessendem lauwarmen Wasser erfolgen. Die Gaumenplatte wird regelmässig in der Region der Spaltbildung in den Bereichen ausgeschliffen, in denen Wachstum erfolgen soll. Da im ersten Lebensjahr das grösste Wachstum stattfindet und damit der grösste Effekt erzielt werden kann, muss die Platte regelmässig angepasst werden. Die Gaumenplatte wird zunächst von der Geburt bis zur Operation der Lippe getragen. Mit Hilfe der Gaumenplatte Oberkiefer nach der Geburt Oberkiefer vor Lippen-Operation wird eine deutliche Harmonisierung der Form des Oberkiefers erreicht. Nach dem Verschluss der Lippe wird bis zum Verschluss des Gaumens erneut eine Gaumenplatte angefertigt und getragen.

Sekundärbehandlung (Kieferorthopädische Sekundärtherapie im Gebiss der ersten Dentition und während der frühen Wechselgebissperiode)

Bei nicht ausreichendem Kieferwachstum, besonders des Oberkiefers, können bereits im Gebiss der ersten Dentition (Milchgebiss) Fehlstellungen der Zähne auftreten. Dazu gehört beispielsweise der Kreuzbiss im Bereich der Seitenzähne. Dabei stehen die oberen Zähne weiter innen als die unteren. Weiterhin ist häufig ein umgekehrter Überbiss im Bereich der Frontzähne zu finden. Selten sind hier Korrekturen notwenidg. Der weitere Zahnwechsel wird überwacht. Bei den meisten Patienten erwächst ein erneuter Behandlungsbedarf zu Beginn des Wechsels von den Zähnen der ersten Dentition (Milchzähne) zu den Zähnen der zweiten Dentition (bleibende Zähne). Aufgrund des verminderten Knochenangebotes in unmittelbarer Umgebung der Spalte kann es zu ausgeprägten Zahnfehlstellungen kommen, die aber sehr gut korrigiert werden können. Die kieferorthopädische Hauptbehandlung fällt etwa in das Alter zwischen 9 und 14 Jahren. Der genaue Behandlungszeitpunkt ist hierbei je nach Art der Fehlstellung unterschiedlich und durch den Kieferorthopäden festzulegen. Zähne im Spaltbereich sind häufig noch gedreht oder brechen erschwert durch. Weiterhin bestehen häufig noch Kreuzbisse und umgekehrte Überbisse. Diese Fehlstellungen sind bei regelrechter Behandlung gut mit herausnehmbaren oder mit festsitzenden Apparaturen zu beheben. Die kieferorthopädische Behandlung in dieser Phase erstreckt sich insgesamt über mehrere Jahre. Vor Durchbruch der spaltbenachbarten seitlichen Schneidezähne und Eckzähne (ca. zwischen dem 7. und 12. Lebensjahr) wird zumeist die Einlagerung von Knochen in den Spaltbereich, eine sog. Kieferspaltosteoplastik, erforderlich.

Tertiärbehandlung (Kieferorthopädie im bleibenden Gebiss)

Häufig erstreckt sich eine kieferorthopädische Behandlung über das sogenannte Wechselgebiss hinaus bis zum vollständigen Gebiss der zweiten Dentition. Die Weisheitszähne brechen später und unregelmässig durch. Damit nicht nur die Gebissentwicklung harmonisch ablaufen kann, sondern auch das Kieferwachstum, sollten die Kinder mit Spaltbildungen auf jeden Fall bis zum Abschluss des Wachstums kieferorthopädisch überwacht oder gegebenenfalls behandelt werden. Bei stärkeren Abweichungen der Kiefer, die allein kieferorthopädisch nicht zu beeinflussen sind, kann nach Abschluss des Wachstums (ca. 16. bis 18. Lebensjahr) eine operative Korrektur notwendig werden.

Gehör und Sprache

Bei jedem Menschen besteht ein wichtiger Zusammenhang zwischen der Gaumenmuskulatur und dem Hörvermögen. Über die sog. Mittelohrtrompete, einen dünnen Gang, besteht eine Verbindung zwischen Mittelohr und Rachen, die für die Mittelohrbelüftung wichtig ist. An der Öffnung zum Rachen setzt ein Teil der Gaumenmuskulatur an und öffnet diesen Gang bei jedem Schlucken. Liegt eine Gaumenspalte vor, wird kein regelhafter Zug ausgeübt und die Belüftung ist beeinträchtigt. Folge davon können Mittelohrergüsse und -entzündungen mit späterer Schwerhörigkeit sein. Um dies zu vermeiden, gehören zum ICFC auch der ORL-Arzt mit spezieller Weiterbildung in Phoniatrie und Pädaudiologie (= die Lehre von den Stimm- und Sprachkrankheiten sowie dem kindlichen Hörvermögen) und speziell geschulte Logopäden, die während der Sprechstunde anwesend sind. Gleichzeitig mit der ersten Operation findet in jedem Fall eine Trommelfellinspektion und bei Bedarf eine Trommelfellpunktion statt. Dieses ist nichts anderes als das Anlegen einer kleinen Öffnung im Trommelfell, in die ein Paukenröhrchen eingelegt wird, um Flüssigkeit hinter dem Trommelfell abzulassen und das Mittelohr nach aussen zu belüften. Etwa nach dem dritten Lebensjahr kann bei Bedarf eine Sprechtherapie begonnen werden. Dabei wird das Gehör geschult und die Muskulatur im Bereich des Gaumensegels, des Rachens und der Zunge aktiviert (myofunktionelle Therapie).

Frühdiagnostik

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird einer Schwangeren im ersten, zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft eine Ultraschalluntersuchung angeboten. Dabei können mit immer besseren Geräten bereits bei der zweiten Untersuchung zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche Spaltbildungen im Bereich der äusseren Kontur, wie zum Beispiel der sogenannte offene Rücken (”Spina bifida”) und auch Spaltbildungen im Lippen-, Kiefer- und Gaumenbereich ggf. vorgeburtlich erkannt werden. Die bei einer solchen Diagnose entstehenden Ängste und Fragen lassen sich nach unserer Erfahrung nur durch eine kompetente Beratung unter Hinzuziehung aller Spezialisten abbauen. Dazu gehört ein in der vorgeburtlichen Diagnostik erfahrener Geburtshelfer, der zunächst das Ausmass der Spaltbildung beurteilt. Dann erfolgt der Ausschluss weiterer Fehlbildungen, die in den allermeisten Fällen nicht vorliegen werden. Sollte dies doch einmal der Fall sein, so wird den Eltern eine genetische Abklärung nach vorhergehender Aufklärung angeboten. Handelt es sich um eine isolierte Lippen-, Lippen-Kiefer- oder Lippen- Kiefer-Gaumenspalte, so wird den betroffenen Eltern eine umfangreiche Beratung angeboten: Der Geburtshelfer wird Zeitpunkt, Art und Ort der Entbindung besprechen. Er wird die Mutter zum Stillen ermuntern, und er wird die anderen Spezialisten zu einem gemeinsamen Gespräch mit den zukünftigen Eltern einladen. Hier wird über das zu erwartende Ausmass der Spaltbildung gesprochen. Der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg wird dann über die vielfältigen und Erfolg versprechenden Möglichkeiten der chirurgischen Behandlung informieren. Die Einbeziehung eines Humangenetikers wird den Eltern angeboten. Er kann Auskunft über mögliche Ursachen und Wiederholungswahrscheinlichkeiten machen. So kann den betroffenen Eltern schon lange vor der Geburt Hilfestellung bei der emotionalen Akzeptanz ihres Kindes gegeben werden. Schliesslich erstreckt sich diese Hilfestellung auch auf die Möglichkeiten sozialer und finanzieller Unterstützung. Die vorgeburtliche Diagnostik hat so die unerwartete und eindrückliche Erfahrung zum Zeitpunkt der Geburt in eine behutsame, alle Möglichkeiten ansprechende vorgeburtliche Aufklärung umgewandelt. Aufgrund der geschilderten Vorgehensweisen sehen die Verantwortlichen im Bereich der vorgeburtlichen Diagnostik daher absolut keinen Grund zur Empfehlung eines Schwangerschaftsabbruches wegen einer alleinigen Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bei dem heranreifenden Kind.